Wissenschaftliche Tagung der Akademie für Musiktherapie – 22. Mai 2011-05-20

Referat von Arek Wiecko

Was macht Musik mit uns ?

Gemeinsames Musizieren – eine Form von Spiel, Therapie oder ein Platz zum Da-Sein

Autor :   Arkadiusz Więcko,  Szczecin , Betreuer des Ensemles des Naiven Liedes der Stiftung Dom-Rodzinny (Familienhaus) in Łysokogórki                                                                    /www.fundacja-dom-rodzinny.org.pl/

Transl.: Heike Reinhold und Freunden

Konferenz auf dem Symposium in Lobetal 20. -22. Mai 2011

Was macht die Musik mit uns?Gemeinsames Musizieren  –  eine Form des Spiels, der Beschäftigungstherapie und vielleicht ein Ort zum Verweilen?

Muzyka nie jest „po co”- Musik ist nicht „ um zu…”

Das gemeinsame Musizieren birgt eine Reihe von Fragen. Was für eine Realität teilen wir während des gemeinsamen Spiels?  Die Welt des Klanges? Die Welt des Wortes oder die Welt der Gefühle?  Sind wir bereit, der Stille ihren gebührenden Raum zu geben? Gibt es da etwas, das auf uns wirkt und über das wir keine Kontrolle haben? Was ist es, diese  Wesenheit im gemeinsamen Musikerlebnis?

Ich möchte folgende These aufwerfen:  Musik ist – ähnlich wie der Mensch – nicht da „… um zu …”. Sie ist absichtslos, wie es der polnische Philosoph Tadeusz Gadacz meint. Ich will versuchen zu erklären, worin meine Skepsis gegenüber der sogenannten Musiktherapie wurzelt. Die Musik mag es nicht – ähnlich wie der Mensch- Mittel zum Zweck zu sein. Sie mag sie selbst sein. Die Musik beneidet alles außer sich selbst! Behandeln wir die Musik wie einen Gegenstand einer Therapiemethode, machen wir sie zum übergeordneten Ziel unseres Wirkens. Die Chance für gemeinsames Erleben und Empfinden der Musik in einem Raum frei vom Denken und jenseits von Worten bleibt begrenzt. Die Mitwirkenden entbehren die Möglichkeit, sich auf der Ebene ihrer Herzen zu treffen, auf der Ebene des Gefühls von Einheit dieser zutiefst menschlichen Verbindung – einer Verbindung, die es uns für einen langen oder kurzen Moment erlaubt, jeden und jede mit deren Besonderheit, Verwundbarkeit,  Unzulänglichkeit und Geheimnis so anzunehmen wie er oder sie ist.

Um zu einem gemeinsamen Musikerleben oder einer gemeinsamen (seelischen) Verfassung zu kommen, schaffen wir, die wir das Musizieren führen,  über unser eigenes freies und authentisches Engagement im Spielen bestimmter Töne und Rhythmen, die uns selbst berühren, einen Raum, angefangen natürlich bei uns selbst. Durch Klänge und die Rhythmisierung kommt eine  „Erwärmung” der Herzen in Gang.  Erst dann wird der gemeinsame musikalische Raum zu einem -meines Erachtens – wirklich heilsamen und wenn sie so wollen auch therapeutischen Raum. Es gibt keinen Druck hinsichtlich zu erzielender Ergebnisse und Erfolge. Überraschungen und Entdeckungen eröffnen sich.

Wir müssen uns von dem Imperativ befreien, jemandem etwas beibringen zu wollen, etwas erreichen oder korrigieren zu wollen. Paradoxer Weise (!)sind wir und unsere Partner gerade dann frei und empfänglich für das Erleben der Musik, wenn wir die Erwartungen in uns auf ein Minimum reduzieren .

Wenn wir „nicht müssen”, wenn wir „keine Resultate erwarten” und daher „reparierend, kontrollierend“ eingreifen, wenn wir „auf den Moment der Verwunderung eingestellt“  sind, hören wir auf, mit dem Kopf zu arbeiten, lassen uns verunsichern, werden neugierig und beginnen zu fühlen.

Im Musizieren mit geistig Behinderten Menschen wird die Pädagogik der Therapie durch die  Pädagogik der Entdeckung ersetzt, durch eine Pädagogik des offenen achtsamen Mit- und Füreinanders.      

Das Miteinander ist schon keine Therapie mehr

Im gemeinsamen, absichtslosen Musizieren tut sich uns die Chance zur Freisetzung heilender, erlösender Lebensenergie auf, selbst bei Menschen, die bisher zu Unverständnis und Zurückgezogenheit verurteilt waren. Gerade ein unbefangenes Herangehen kann zu einer wirklichen seelischen/inneren Begegnung der Teilnehmer führen und zu gegenseitiger Belebung .  So genannte therapeutische Effekte zeigen sich dann als überraschendes  „Nebenprodukt“ in diesem Raum des Miteinanders. Wir gehen beim gemeinsamen Musizieren in den Zustand der Kontemplation. Das gelingt nicht immer, denn Voraussetzung ist, dass sich die Anleitende Person entsprechend „einstimmen” kann, zur Ruhe kommt und in sich selbst eine „Leichtigkeit” spürt. Kontemplation muss nicht ausschließlich ernst sein oder gar traurig, sondern kann, ganz im Gegenteil zu einem Zustand der Ausgelassenheit führen, zu einem Rausch voller Ungezwungenheit, ergriffen von dem beat oder beispielsweise einem rhythmischen Mitklatschen. „Traurig“ wandelt sich in „fröhlich“ und umgekehrt. Alles ist möglich.

Musik, die aus solch einer Quelle hervortritt, hat „heilenden” Charakter, denn sie erreicht die seelische Ebene des Menschen, die nicht der Kontrolle des Verstandes unterliegt.

Der musikalische Betreuer kommt sozusagen mit leeren Händen und gibt freiwillig die Rolle des allein Kompetenten auf. So stellt er Behinderte und Nichtbehinderte auf eine Stufe. Sowohl die einen als auch die anderen stehen mit ihren spezifischen Kompetenzen auf derselben Seite:  der Seite der Musik.  Als Zeugen einer musikalischen Siesta.

Bemerkenswerter Weise  sind professionelle Musiker eher noch bereit, von ihren musikalischen „Heiligtümern“ sei es Rhythmus, Melodie oder Harmonie loszulassen! Wenn der Rhythmus oder die Harmonie der Klänge zeitweise durcheinander gebracht werden, kann genauso gut eine Harmonie eintreten. Wir werfen uns Blicke zu und bleiben in unserer Begeisterung. Die Spieler erleben ein Gefühl von Einheit, Nähe und nonverbaler, seelischer Verständigung.  Sie haben einen ungewöhnlichen emotionalen Reichtum und spüren die Anwesenheit des „Heiligen Elementes“. Wir als Musizierende  haben direkt teil an der gegenwärtigen Magie der Kunst – oder des Göttlichen,  wenn Sie so wollen.

 

 

Von der Liebhaberei zum Gesang

Bevor ich zur Charakterisierung des Prozesses übergehe, der die Proben der Gruppe des Naiven Liedes begleitet, erlaube ich mir, kurz die Entstehungsgeschichte der Gruppe  vorzustellen. Die Solisten der Gruppe des Naiven Liedes –erwachsene Menschen mit Intelligenzminderung – das sind:  Iwona, Grażyna, Ola, Marek, Krzysztof und zwei Musiker, die sie begleiten: Arek Wiecko – Gitarrist –  und Marek Dorożyński – Geiger. Alle gehen aus der Szczeciner Gemeinschaft „Glaube und Licht“ hervor, einer  internationalen Bewegung.  Weitere Musiker, die mit dem Ensemble als Gäste anlässlich spezieller Projekte auftreten, sind u.a. Marcin Pepe-Olkowski, Trompeter in der Szczeciner  Philharmonie mit Neigungen zum Jazz und Rafal Krzanowski, Perkussionist, Absolvent der Kunstakademie Szczecin. Er leitet auch die Sambagruppe „Sambal“.

Die Bewegung „Glaube und Licht“  – das lohnt zu wissen – begann im Jahre 1971 zu wirken. Impuls war eine weltweite , basisorganisierte Pilgerreise nach Lourdes. „Glaube und Licht“ versammelt intellektuell behinderte Menschen, deren Familien und Freunde in Gemeinschaften christlichen und gleichzeitig ökumenischen Charakters . Es gibt gegenwärtig weltweit Gemeinschaften, denen auch Atheisten und Vertreter verschiedener Religionen angehören – so zum Beispiel in Russland und Großbritanien. Verbindendes Element ist: Bedingungslose Akzeptanz.  Diese unter vielen anderen Fähigkeiten besitzen unsere andersbegabten Freunde. Ich weiß, dass es beispielsweise auch in Berlin bis vor kurzem eine protestantisch organisierte  „Glaube- und- Licht“- Gemeinschaft  gab.

In Szczecin haben wir 5 solcher  Gemeinschaften, ihre Anfänge reichen bis zum Jahr 1983. Das Phänomen dieser Gemeinschaften  beruht unter anderem darauf, dass die sogenannten Schwachen, die über einen „hohen Herzquotienten“ in der Welt menschlicher Beziehungen verfügen, die Anführer der sogenannten Starken, die über einen hohen Intelligenzquotienten in der Welt menschlicher Begegnungen verfügen, sind; sie lehren uns enge , authentische Bindungen der Freundschaft. Ich halte das für  eine Universität menschlicher Beziehungen!

Das Ensemble des Naiven Liedes ist aus  gemeinschaftlichen Treffen und Veranstaltungen von intellektuell beeinträchtigten Menschen und deren Freundeskreis hervorgegangen. Daher spielen nahe Beziehungen, Freundschaften eine wichtige Rolle in der Gruppe. Etwas sehr Wichtiges in unserer langjährigen Freundschaft  ist die Liebe zum  Gesang. Das Ensemble tritt seit 2005 öffentlich auf. Ein befreundeter Szczeciner Musiker – Irek Lewandowski, bossa-nova-Gitarrist, überzeugte  uns, eine CD einzuspielen-hausgemacht mit all den alten, schon immer in unserer Gemeinschaft gesungenen Liedern. Ein schönes Andenken für uns und besonders eben für die Solisten. Was war die Hauptantriebskraft für diese Initiative:

uns wurde klar, dass wir uns gar nicht bewusst machen, wie unsere Sänger doch älter werden und ihre jugendliche Kraft langsam verlieren. Der „selbstgebackenen“ CD folgte ein Promotion-Konzert, das die Gruppe – damals noch ohne Namen – explizit mit Verkaufsabsichten für seine Freunde in dem bekannten Szczeciner Klub „Die 13 Musen“ gab.

Als dann nach dem ersten öffentlichen Konzert unsere beiden Solistinnen Iwona und Grazyna fragten: „Und wann ist das nächste Konzert“, war klar, dass es kein Zurück mehr gab. Bald darauf schossen die ersten eigenen Lieder wie Pilze aus dem Boden. Sie erzählten in ihrem Texten von Begebenheiten aus dem Leben der Sängerinnen. Hier muss ich anmerken, dass ich weder professioneller Texter noch Musiker bin. Ich fühle mich eher wie ein Musikant, der seine Liebe zur Musik mit anderen teilt. Ich habe das Gefühl, dass die für die Gruppe geschriebenen Lieder ein Geschenk des Himmels sind, das in meine Hände gelegt wurde. Für mich steht außer Zweifel, dass dies ein Geschenk für meine behinderten Freunde war.

Von Anfang an lag mir daran, dass bei öffentlichen Auftritten die Solisten ihren eigenen Stil pflegen können. Das Repertoire  ist auf sie selbst zugeschnitten– und das nicht zu letzt deshalb, damit niemand sie mit bekannten Stars vergleicht bzw. eine Legitimation für ihre Anwesenheit auf der Bühne sucht. Unsere Solisten sind Stars für sich selbst, sie legitimiert ihr eigener, unverwechselbarer Stil auf der Bühne und ihre ureigene Art, innerlich Musik zu erleben und zu interpretieren. Sie sind dabei spontan und inspirierend. Davon zeugt die Tatsache, dass professionelle Künstler großzügig für gemeinsame Auftritte bereit sind und darin einen außergewöhnlichen Wert für sich selbst entdecken. Ich hoffe, es geht Ihnen bei dem abendlichen Konzert heute auch so.

Eine Entdeckung während der Proben des Ensembles – die Notwendigkeit von Authentizität

Einige unserer Solisten haben zum Beispiel Auftritte bei Feierlichkeiten im Kaufhaus Galaxy hinter sich – dort, wo im lärmüberfluteten Raum unzählige Einkäufer vorbeiziehen – eher am Shopping als an der künstlerischen Darbietung  geistig Behinderter interessiert. So an Kultur teil zu nehmen, ist uns fremd.  Bei der Auswahl unseres Probenortes gingen wir in eine kulturelle Einrichtung, wo „normale“  Kinder, Jugendliche oder Erwachsene ihre Kurse besuchen. Wir wollten, dass geistig Behinderte mit ihren kulturellen Ambitionen gleichberechtigt behandelt werden und gleichzeitig sollte sich die Gesellschaft an ihre Gegenwart im öffentlichen Raum gewöhnen. Die Probe aufs Exempel hat geklappt; die Portiers und die erwachsenen Besucher des Klubhauses, in dem wir proben, zeigen unseren Solisten mehr als nur höfliche Achtung. Man kann sagen, dass sie von Woche zu Woche sehnsüchtig auf unsere Künstler warten.

Wer geistig behinderte Menschen kennt, weiß wie bezaubernd sie im Kontakt mit anderen sein können,  wenn man ihnen nur den Freiraum für ihre Aktivitäten lässt! Ich sage das nicht ohne Grund. Dieser ganze Umgang hat Einfluss auf das Befinden der Solisten und auf die tolle  Atmosphäre, in der die Probe selbst abläuft. Was nicht heißen soll, dass unsere Künstler nicht manchmal auch von Trübsinn oder Depression befallen sind. Das passiert – so wie es in einem der Lieder beschrieben ist: „Ktoś mi popsuł humor-Jemand hat mir die Stimmung verdorben.“  Erstaunlich ist es, wie schnell die Stimmung auch wieder umschlagen kann. Kennen Sie, meine Damen und Herren, einen Ort auf der Welt, wo man in solch einer Atmosphäre arbeitet? Ich nicht.

Die Gruppe des Naiven Liedes ist keine künstlich selektierte Gruppe auf der Grundlage von künstlerischen Talenten. Basis unserer Beziehung ist – wie gesagt – die Freundschaft. Die Mitglieder kennen sich teilweise schon seit über zwanzig Jahren. Wir suchen uns unsere Lieder zusammen,  arrangieren sie und teilen sie so auf, dass jeder mit gutem Gefühl auf der Bühne stehen kann. Es ist nicht vorstellbar dass beispielsweise bei Ola das Gros´ der Lieder liegt, weil sie am „Saubersten“ oder am „Schönsten“ singt. Das ist für einige Eltern schwer zu verstehen.  Aber in unserer gemeinsamen Arbeit  sind diese wertenden Kategorien nicht ausschlaggebend, da es um den authentischen Ausdruck  des Einzelnen geht und um Ausgewogenheit  in den Besetzungen auf der Bühne.  Also kommt es vor, dass ich zu einem Lied eine neue Strophe hinzufüge, damit jeder eine singen kann oder wir verteilen den Refrain auf mehrere Sänger.

In unserer Gruppe war Marek, ein Solist, der unter schwerer Epilepsie leidet. Sein Kräftehaushalt ließ immer mehr nach, die motorischen Fähigkeiten, Konzentration und Aufmerksamkeit wurden schwächer. Er schaffte es mit uns in einem gemieteten Studio unsere erste eigene Platte aufzunehmen. Titel: „Viel Zeit habe ich“. Das war im Jahre 2006. Hier spielt er einen satten Blues, der von einem andersbegabten Mann erzählt, der nicht als  Behinderter wahrgenommen werden möchte und den Wunsch aber Hemmungen hat eine eigene Familie zu gründen. Natürlich weiß er um sein „anders Sein“, aber der Wunsch bleibt. Mareks immer wiederkehrende Epilepsie schwächte ihn sehr, seine Reaktionsfähigkeit verlangsamte sich, aber seine kräftige Stimme blieb. Er singt- das ist seine Berufung.

Für Konzerte gesellten verschiedenste Musiker zu unserem Ensemble: Der Gitarrist Irek, der Pianist Pawel, der Trommler Marcin. Manche kurz, manche längere Zeit. Momentan gehören zum Ensemble: der Trompeter Marcin, der Percussionist Rafal, und Heike, eine befreundete Akkordeon Spielerin  aus der Nähe von Prenzlau. Das Kommen und Gehen bereichert alle Mitglieder unseres Ensembles gleichermaßen. Problematisch sehe ich allerdings, dass eine neue Person in der Gruppe, längere Zeit und eine große Portion Neugier braucht, um die gewachsenen Beziehungen zu erkennen, Vertrauen zu entwickeln, sich zugehörig zu fühlen und seinen Platz zu finden.

Die Persönlichkeiten unserer Solisten sind sehr verschiedenartig. Nehmen wir Krysztof, der weder Uhrzeit noch Datum auseinanderhalten kann, und Probleme mit der verbalen Kommunikation hat. Er betet oft dafür, dass er am nächsten Konzert teilnehmen kann. Manchmal kommt er mehrmals in der Woche zum Klubhaus, obgleich wir nur einmal wöchentlich proben. Er streift dann in der Gegend herum, und weiß nicht was los ist. Mit ihm? Mit den anderen? Das weiß ich vom Portier des Klubs. Krzys spielt Mundharmonika auf seine Weise. Er hat sich das selbst angeeignet, während des ganzen Spiels bewegt sich sein ganzer Körper im Rhythmus der Musik die er hört. Verspürt er einen starken Beat im Lied, nimmt er spontan das Tamburin zur Hand.

Grazynka, eine Solistin mit wunderbarer schauspielerischer Begabung, kommt immer eine halbe Stunde früher, denn, wie sie selbst sagt, kann sie es nicht erwarten. Um sich die Wartezeit zu verkürzen häkelt sie dann die zigste Minitasche.

Iwonka, unsere zweite Solistin und inzwischen schon Veteranin, macht sich gemeinsam mit mir auf den Weg zur Probe. Dazu muss ich sie immer wieder anhalten und mitnhemen. Mit ihrer zarten, oft gebrochenen Stimme kann sie sehr berührend sein, sie spricht direkt mit den Herzen der Zuhörer. 

Ähnlich ist es mit Ola, einer Solistin, die in der Lage ist musikalisch „sauber“ zu singen. Selbst an Karaoke Schlager macht sie sich heran. Ola wird von ihrem Vater zur Probe gebracht. Sie ist die einzige Solistin, die als Quereinsteigerin in die Gruppe kam; sie gehörte vordem nicht zur Gemeinschaft „Glaube und Licht“.

Marek, der uns auf der Geige begleitet, kommt direkt von der Arbeit zur Probe, schaltet sofort um, und befindet sich fast übergangslos, voller Freude in unserem musikalischen Raum. Die andersbegabten Mitwirkenden der Gruppe des naiven Liedes können sich nicht vorstellen, nicht zur nächsten Probe zu kommen. Das Ensemble ist für sie das Fenster zur Welt geworden, sie zeigen sofort ihre Enttäuschung wenn verkündet wird, dass die nächste musikalische Siesta ausfällt, z.B. wegen der Winterferien.

Die Einstudierung eines neuen Liedtextes braucht einige Wochen, mitunter bis zu zwanzig Proben. Jeder braucht seine Zeit um in den Text und die Melodie hineinzuwachsen, manchmal dauert das sehr lange, alle haben ein unterschiedliches Tempo. Bei jeder Probe üben wir die frischen Lieder und wiederholen die Alten und freuen uns an alledem.

Grazynka kann gut lesen, merkt sich auch den Text, doch oft verliert sie die Melodie unterwegs. Sie mag es selbst, spontan eine neue Strophe zum Lied hinzuzufügen. Da gab es mal eine lustige Situation auf einer Probe: Grażynka bekam ein neues Lied in die Hand, welches aus ihrem Leben erzählt. Eines Sonntags rief sie mich um 8 Uhr Morgens ganz aufgeregt an. Was war los? Sie wusste sich nicht zu helfen. „Arek“, fragte sie:“ Legt man die CD mit unseren Liedern mit dem Bild nach oben oder nach unten ein?“ Während unseres Telefongesprächs hörte ich aus Grażynkas Mund Worte, die sie sonst nie benutzte. Sie sagte ganz verärgert: „Scheißspiel! Blödes Falschherum!”  Diesen Ausspruch habe ich in den Text eines neuen Liedes eingearbeitet. „Gówno zagra…“ Als wir dann in der Probe an diesen Liedtext kamen, hielt Grażyna kurz inne und  schmunzelte. Ich konnte sie nicht dazu bewegen, ein in ihren Augen so vulgäres Wort zu singen. Das ging über ihre Schamgrenze. Ich fragte sie ob ich dieses Wort nicht durch ein anderes ersetzen darf. Grażynka sagte prompt: „Knopfspiel“. Im Liedtext steht nun statt Scheißspiel Knopfspiel, was  in der deutschen Übersetzung soviel bedeutet wie: „Blödes Spiel“.

Mit Iwonka ist es umgekehrt. Sie kann nicht lesen, ihr Gedächtnis hat mit großen Widerständen zu kämpfen. Dafür gibt sie die Melodie originalgetreu wieder. Während der Auftritte kommt es oft dazu, das ihr die Stimme wegbleibt, entweder vor Aufregung oder weil sich bestimmte Laute in ihrem Mund verheddern. Die begleitenden Musiker halten dann zusammen mit ihr an, vier, fünf Sekunden Pause, bis es weitergeht. Das gibt Iwonkas  Auftritten eine gewisse Dramaturgie die weder ausgedacht noch inszeniert ist, sondern authentisch und Jetzt.  Das Publikum teilt diese Spannung; in diesem Moment ist absolute Stille.  Oft wiederholen wir mit Iwonka schwierige Liedfragmente.          Immer wird gefragt: „Und, wie war es?“                                                                                Iwonka antwortet: „Das ging gut, Arek.“                                                                                    Bei mir bleibt da, dass es jedes mal einfach anders ist. „ Das ging gut“, heißt in Iwonkas Verständnis: Richtiges Singen mit offenen Herzen. Alles andere: Die Aussprache, die Artikulation, verdrehte Wörter, ein verloren gegangener Rhythmus, Melodieführung zählen nicht.

Vergessen wir es und lassen uns verführen! Heben wir den Schatz! Die Klänge, die Wörter und Töne führen uns nur in die Eingangshalle  unserer Klanglandschaft. Was macht die Musik dort mit uns? Goethe prägte den Ausspruch: „Dort wo du Musik hörst, tritt ein, denn dort haben die Menschen gute Herzen.“

Dank an solche Momente unseres gemeinsamen Musizierens, in denen ich mich vom Korsett der Melodie oder des Rhythmus befreien kann, und diesen Reichtum an Gemeinschaftsgefühl und Einheit erfahre. In diesen entlegenen Winkeln der Musik sind alle gleich. Es zählt die Individualität jeder Person, ihre einzigartige Emotionalität, das Geheimnis ihres Blicks, ihres Flüsterns…                                                                                    Wenn wir das gemeinsame Musizieren lediglich als Mittel zum Zweck betreiben, dann befürchte ich, wir verlieren uns selbst und einander. Wir verlieren den kostbarsten Teil der Musik, nämlich den Quell unserer Freude am Tun.

Entfaltet sich nicht gerade dort wo Freude ist, die heilsame Wirkung der Musik?  Von unserer  Iwonka habe ich gelernt, dass es am meisten zählt sich in seiner gegenwärtigen Verfassung zu zeigen. Dann ist dieser wunderbare Moment der Kongruenz im gemeinsamen Klangraum möglich. Natürlich ist das nicht immer zu erreichen, ich verfehle den richtigen Einstieg und mir entgeht ein weiteres Mal die Chance Da- Zu- Sein.

Mit dieser Reflexion am Ende würde ich sie gerne in die Pause entlassen.

Für Gespräche und Fragen sind wir sehr offen. Vielen Dank.

 

 

 

Über den Autor:

Arkadiusz Wiecko /geb. 1956/  – wohnt seit seiner Geburt in Szczecin, ist Absolvent der Ökonomischen Universität in Wroclaw, ist pensionierter Grundschullehrer für Mathematik, Vater von 4 Kindern, seit 1983 gemeinsam mit seiner Frau Mitglied der Internationalen Bewegung „Glaube und Licht“.

Begründer der Stiftung „Dom Rodzinny“ (www.fundacja-dom-rodzinny.org.pl), die in Łysogórki im Unteren Odertal 100 km südlich von Szczecin ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus besitzt. Dieses Anwesen wird als Erholungs- und Ausflugsstätte des Stettiner Kreises „Glaube und Licht“ genutzt. Arek Wiecko ist seit 2005 Mitbegründer, Betreuer und Gitarrist, und Liedautor des Ensembles des Naiven Liedes. In diesem Ensemble singen erwachsene Menschen mit Intelligenzminderung Lieder, die speziell auf sie zugeschnitten und für sie geschrieben werden. Bei Konzerten werden sie hin und wieder von professionellen, befreundeten Musikern begleitet. Bisher nahm die Gruppe vier CDs auf, darunter eine Platte mit ausschließlich eigenen Liedern. Sie konzertierten u.a. im Stettiner Schloss zusammen mit in Polen bekannten Chansonsängern wie z.B. E.Adamiak , J.Kleyff, R.Leoszewski, E.Wojnowska.

A.Wiecko ist geistiger Vater und Organisator der Symposien-Reihe „Zalew Myśli“, die alljährlich im November auf dem Stettiner Schloss stattfindet. Themen der Symposien waren bisher: „Welche Position nimmt  menschliche Schwäche in zwischenmenschlichen Beziehungen ein?“, „ Die Position von Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit“, „ Die Pflege des Kindes im Erwachsenenalter am Beispiel des Kleinen Prinzen.“

 

 

 

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